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„Reproduktionsverhältnisse im 21. Jahrhundert“

Die AG „Reproduktionsverhältnisse im 21. Jhd.“ versucht, eine Kritik der politischen Ökonomie im Neoliberalismus mit einer Kritik der gegenwärtigen Geschlechterverhältnisse zu verbinden. Im Zentrum stehen dabei Reproduktionsverhältnisse im Kapitalismus, die einer materialistischen Kritik unterzogen werden sollen.

„Reproduktionsverhältnisse“ bezeichnet dabei nicht (nur) einen Zusammenhang, der speziell Frauen und deren wirtschaftliche und gesellschaftliche Position betrifft, sondern steht darüber hinaus umfassender für einen gesamtgesellschaftlichen, analytischen und politischen Standpunkt, den wir einnehmen, um eine Gesellschaftskritik zu artikulieren, die die verschiedenen Ebenen (gesellschaftlicher und wirtschaftlicher) Unterdrückungs- und Abhängigkeitsverhältnisse zusammen denkt. Die für unsere Kritik zentrale Kategorie Geschlecht begreifen wird dabei nicht als naturgegebene Entität, sondern als Produkt gesellschaftlicher Machtverhältnisse.

Feminismen und Ökonomiekritiken weiterdenken

Bei unserem Fokus auf Reproduktionsverhältnisse fragen wir z.B., warum die gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten der Reproduktion im Kapitalismus abgewertet werden oder warum diese Arbeit zumeist von Frauen geleistet bzw. ihnen zugewiesen wird.

Anknüpfend an ältere feministische Diskussionsstränge, die hauptsächlich auf unbezahlte Haus- bzw. Reproduktionsarbeit fokussierten, geht es heute darum, die Verschiebungen von unbezahlter zu bezahlter Reproduktionsarbeit zu thematisieren. Reproduktion ist oftmals auch ein vernachlässigter Faktor in linken Ökonomiekritiken; dass die reproduktive Arbeit als Ökonomiebereich einen wichtigen Pfeiler des (neoliberalen) Kapitalismus darstellt, wird unsichtbar gemacht.

Debattenräume öffnen

Ein Schwerpunkt der Diskussionen der AG liegt deshalb auf der Analyse von unbezahlter Reproduktionsarbeit und ihrer Umwandlung in schlecht bezahlte, prekäre und häufig migrantische Lohnarbeit. Welche Implikationen für die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ergeben sich? Wie schlagen sich die Veränderungen u.a. in einer Delegierung von Reproduktionsarbeit anhand rassistischer Kriterien nieder?

Die AG möchte auf dem Diskussionsevent deshalb Veranstaltungen anbieten, die sowohl eine gemeinsame Erkenntnisproduktion in einem möglichst nicht akademischen Rahmen weiterbringen, als auch Strategien von Aktivist_innen aufzeigen und zur Diskussion stellen.

Über Reproduktionsarbeit – kleiner Exkurs

In kapitalistischen Gesellschaften, in denen Menschen unabhängig voneinander Waren produzieren, um diese auf dem Markt zu tauschen, spaltet sich die Bevölkerung gemeinhin in Individuen, welche zum Zweck der Reproduktionskostendeckung einer marktvermittelte Lohnarbeit nachgehen und jenen, welche konkrete Arbeit am Menschen, d.h. hier elementare Reproduktionsarbeit (Care Arbeit, Sorgearbeit) leisten.

Aber Arbeiten der elementaren Reproduktion können zeitbezogen weniger effizient gesteigert werden als klassische Arbeiten der marktvermittelten Lohnarbeit. Deshalb sind alle kapitalistischen Wohlfahrtsstaaten darauf angewiesen, mit Hilfe von Sozial-, Steuer- und Familienrecht reproduktive Arbeiten zu kanalisieren. In Deutschland, das als wohlfahrtsstaatlicher Vertreter eines starken Familienernährermodells galt, wurden – über den Arbeitsmarkt vermittelt – mehrheitlich Männer durch ehe- und familienbezogene Sozialleistungen in Form von Freibeträgen im Einkommenssteuerrecht dazu befähigt, den Unterhalt zur Subsistenzsicherung der von ihnen abhängigen Familienangehörigen gewährleisten zu können.

Mehrheitlich Frauen waren hingegen in dem Arbeitsbereich der Reproduktion tätig. Durch eine Reihe an Reformen im Bereich des Sozial-, Steuer- und Familienrechts kann inzwischen von einer zumindest teilweisen Aufweichung dieser geschlechtsbezogenen Arbeitsverteilung gesprochen werden.

Die Inklusion von Frauen in den Loharbeitssektor bewirkt in der Regel eine Doppelbelastung, da zur Zusatzbelastung durch Lohnarbeit keine Entlastung im reproduktiven Bereich stattfindet. Gleichzeitig entstehen bei besser Verdienenden neue prekäre Arbeitsverhältnisse, in denen Reproduktion an zumeist migrantische, schlecht bezahlte Arbeitskräfte delegiert wird.

Globale Sorgearbeit

Bei unserem Blick auf Reproduktionsverhältnisse bemühen wir uns, nicht nur die Veränderung des deutschen Ernährermodells zu analysieren, sondern eine globale Perspektive zu fördern. Mögliche Fragen dabei sind z.B.: Wie wird Verteilung von Sorge/Arbeit entlang nationalstaatlicher Regulationen und Rassismus hergestellt? Wie sind Rassifizierungsprozesse auf dem deutschen Arbeitsmarkt geformt von Kolonialismus, Zwangsarbeit, Arbeitsmigration, Flucht und Globalisierung?

Geplante Veranstaltungen

In einer theoretischen Veranstaltung wird es um Verschiebung zwischen unbezahlter und bezahlter Reproduktionsarbeit gehen, die durch wohlfahrtsstaatliche Transformationen bedingt sind. Diesem Themenkomplex wird sich aus einem materialistischen Blickwinkel genährt, wobei die Veranstalterinnen eine Verbindung zwischen feministischer Kritik mit Marx auf der Höhe der Zeit versuchen. In einer Veranstaltung zu den jüngsten familienpolitischen Reformen wird die These vertreten, dass diese zwar einerseits geschlechterpolitische Fortschritte mit sich bringen, zugleich aber soziale Ungleichheit verschärfen. Daran anschließend befasst sich eine weitere Veranstaltung mit der Vermarktlichung der Kindertagespflege, sowie mit den Auswirkungen des deutschen Einkommenssteuerrechts auf das Geschlechterverhältnis und die Existenzsicherung von Frauen. Es soll jedoch nicht einzig die Überführung des deutschen Ernährermodells in Zweiverdienermodelle nachgezeichnet werden, vielmehr möchten die Veranstalterinnen auch zur Auseinandersetzung mit alternativen Lebens- und Beziehungskonzepten anregen, die sie auch jenseits von einer monogamen heteronormierten Beziehungsmatrix für möglich halten. Überdies soll eine globale Perspektive gewagt werden, in der Verschiebungen von Reproduktionsarbeit erst in ihrer Gänze deutlich werden. Es werden sich gleich zwei Workshops mit den Arbeitsbedingungen und Arbeitskämpfen von prekarisierten ReproduktionsarbeiterInnen befassen, und dabei Organisierungsprozesse von Care Workers im europäischen und globalen Kontext betrachten.

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