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Ökonomiekritik und Queerfeminismus

Arbeitskreis Gewaltökonomien

Im Rahmen des Berliner Events „Ökonomiekritik und Queerfeminismus“ hat sich der Arbeitskreis „Gewaltökonomien“ gebildet, der für das Event drei Veranstaltungen vorbereitet. Wir möchten Personen aus möglichst vielfältigen politischen, aktivistischen, wissenschaftlichen usw. Zusammenhängen einladen und gemeinsam diskutieren, wie die aktuellen Gewaltverhältnisse mit ökonomischen Strukturen zusammenhängen. Dabei soll über queerfeministische Forderungen und Kritiken nachgedacht werden.

Ein Grundgedanke für die geplanten Veranstaltungen ist, die Verletzbarmachung beispielsweise durch Sprache, Arbeitsverhältnisse oder sexualisierte Gewalt bestimmter sozialer Positionen in ihrer Systematik zu diskutieren, und nach ihrer ökonomischen Dimension zu fragen. Wir möchten darüber sprechen, wie die Vulnerabilisierung gesellschaftlicher Gruppen und die Prekarisierung von Lebensverhältnissen zusammenhängen, zu einer rassistischen und heterosexistischen gesellschaftlichen Arbeitsteilung führen und gesellschaftliche Benachteiligungen oder Privilegierungen schaffen. Eine zentrale Frage ist, wie Gewalt individualisiert wird und wie im Diskurs neoliberaler Eigenverantwortlichkeit die Strukturhaftigkeit von Gewaltakten verschleiert wird. Weiter stellen wir uns gegen eine perfide Hierarchisierung von Leiden, in der unzumutbares Leiden und zumutbare Versehrtheit gegeneinander abgewogen werden.

Bei unseren Vorbereitungen kam es zum Einvernehmen, sich auf einen möglichst mehrdimensionalen Gewaltbegriff zu beziehen: Einerseits sollen möglichst viele Dimensionen und Formen von Gewalt in ihrer Verschränktheit betrachtet werden – wie bspw. physische und symbolische Gewalt – Gewalt kann sowohl soziale Praxis als auch hegemonia ler Diskurs sein. Andererseits halten wir es für sinnvoll, bei einem systematischen Blick auf Gewalt dennoch zwischen Gewalttätigkeit und Gewaltverhältnissen oder Gewaltdiskursen zu differenzieren. In Bezug auf die ökonomische Dimension von Gewalt geht es uns darum, die Verschränkung symbolischer und materieller Wirkungsweisen auszustellen, statt diese separat bzw. als einzelne Unterdrückungs-Dimensionen zu begreifen.

Für die Begegnungen an den Veranstaltungen erscheint es uns sinnvoll, die Aufteilung von Theorie und Praxis zu hinterfragen, denn: Forschen ist eine politische Praxis, und Aktivismus wird immer auch von Theorien und Wissen angeleitet beziehungsweise stellt diese her. Auch hier spielen ökonomische Strukturen eine große Rolle.

In der Auseinandersetzung mit diesem komplexen Feld haben uns drei Themenschwerpunkt besonders beschäftigt 1. Gewaltstrukturen und Staat 2. Die Individualisierung bzw. Privatisierung von Gewalt 3. Sprachgewalt.

1. Gewaltstrukturen und Staat

Der moderne Staat ist in seinem Ursprung eine maskulinistische Gewaltinstitution. Er hat sich aber auch erneuert, indem er zum Beispiel bei seiner Befriedung der ‚sozialen Frage’ die Gewalt des Klassenkonflikts in die Familien verschob und damit privatisierte. Die durch den Wohlfahrtsstaat hergestellten gesellschaftlichen Sphären als Privatheit und Öffentlichkeit haben Geschlechterbilder wie die bürgerliche Weiblichkeit und den männlichen Ernährer produziert, die durch institutionalisierte Heterosexualität aufeinander bezogen sind.

Heute zieht sich der Staat zunehmend aus wohlfahrtsstaatlichen Fürsorgepflichten zurück. Soziale Sicherheit wird heute weder familiär noch staatlich garantiert, sondern individualisiert und kommodifiziert, also käuflich.

Wenn der Schutz vor Gewalt bzw. die soziale Sicherheit reprivatisiert werden, reicht es unserer Meinung nach nicht aus, reflexartig nach mehr Staat zu rufen. Stattdessen wollen wir uns das paradoxe Verhältnis genauer ansehen, das zwischen emanzipatorischen Politikansätzen von Nichtregierungsorganisationen und ihrer staatlichen Förderung besteht. Im Fall sexualisierter Gewalt und körperlicher Gewalt in privaten Beziehungen erkennt der Staat zwar ihrer Strukturhaftigkeit an und bietet zum Teil Sorge und Prävention an. Statt aber die Strukturen, die teilweise durch staatliche Gesetze gestützt sind, ursächlich zu bekämpfen, verwalten staatliche Institutionen die Probleme vielmehr im Sinne eines „Nachtwächterstaates“, und dämpfen nur die schlimmsten Auswirkungen ab. Emanzipative Projekte geraten durch die finanzielle Abhängigkeit vom Staat in Konkurrenz zueinander und müssen innerhalb dieser „Opferökonomie“, die besonders starke Betroffenheit ihrer „Opfergruppe“ beweisen.

Uns interessiert, welche staatlichen Institutionen und Regulierungsmechanismen die systematische Verletzbarmachung herstellen und damit eine Form von struktureller Gewalt darstellen. Wie „versorgt“ der Staat Gewaltbetroffene und welche Bezüge zum freien Markt bestehen? Wie und warum wird wem Geld gegeben? Welche bürokratischen Hürden erfahren Projekte, die sich einer Effizienzlogik in der Opferarbeit entgegenstellen?

2. Die Individualisierung/Privatisierung von Gewalt

In dieser Veranstaltung möchten wir der Frage nachgehen, mit welchen Strategien Gewalt individualisiert bzw. privatisiert wird. Zum Beispiel, indem neoliberale Diskurse der Eigenverantwortlichkeit die Strukturhaftigkeit von Gewaltakten verschleiern. Wir wollen zum Beispiel der Frage nachgehen, inwiefern Gewalt und Verletzbarmachung zunehmend mit einem Gesundheitsdiskurs beantwortet werden, und dies zu einem individualisierenden Umgang mit Gewalt führt.

Welche Auswirkungen hat ein privatistischer gesellschaftlicher Umgang mit Gewalt auf die Betroffenen von Gewalt- und Gewaltstrukturen? Was bedeutet es für die Subjektivierungsweisen von Gewalt-Betroffenen und potentiell Betroffenen, wenn Gewalt als Frage der Eigenverantwortung konstituiert wird? Was bedeutet es für die ökonomische/materielle Existenz, und welche ökonomischen Interessen- und Machtverhältnisse treiben die Privatisierung/Individualisierung von Gewalt voran? Und zuletzt: Wie können wir queerfeministische Forderungen und Kritiken formulieren?

In beiden Veranstaltungen wollen wir mit Personen ins Gespräch kommen, die in diesen Feldern arbeiten oder sich mit diesen Fragen beschäftigen. Der Fokus auf die Rolle des Staates, seine Politiken, aber auch die Möglichkeiten und Grenzen für emanzipative Projekte, mit dem Staat zu kooperieren, soll gerade einen Staatsfetischismus infrage stellen, ohne dabei vorschnell jegliche Kooperation mit dem Staat abzulehnen. Vielmehr denken wir, dass die „Staats- und Institutionenfrage“ im Neoliberalismus neu diskutiert werden muss.

3. Symbolik und Sprachgewalt

Die symbolische Ordnung als Produzierung von Ungleichheitsverhältnissen begreifend, wird Sprache nicht als Widerspiegelung sozialer Machtgefälle betrachtet, sondern bedeutet, Sprechen als Re_Produzierung von Hierarchien zu erkennen. Wie können Worte verletzen? Welche Worte treffen wen, und wie kommt es zu dieser Verschränkung von Sprache und Körperlichkeit in ihrer treffenden Wirkung? Wer die Deutungsmacht über Worte hat, verfügt über symbolisches Kapital. Wir wollen danach fragen, welche Zusammenhänge sich zwischen Sprachgebrauch und kapitalistischer Verwertungslogik aufzeigen lassen. Und: Durch welche sprachpolitischen Maßnahmen werden gezielt Ausschlüsse hergestellt?

Neben der Sichtbarmachung von sprachlicher Vulnerabilisierung wollen wir uns auch mit Widerstandsmöglichkeiten auseinandersetzen – und möglichst selbst Strategien entwickeln, um diese im sprachspielerischen Umgang auszuprobieren.