Formate
In der Vorbereitung des Events wurde immer wieder intensiv darüber diskutiert,
wie mit der Herausforderung, unterschiedlicher sozialer, ökonomischer, kultureller
und politischer Positionen umzugehen wäre. Ausgangspunkt dieser Auseinandersetzungen
war das Bedürfnis, sich über den eigenen politischen und sozialen Kontext hinaus mit
Kämpfen und Positionen zu solidarisieren, in die wir nicht direkt involviert sind bzw.
die wir aus unseren eigenen gesellschaftlichen Positionen zum Teil kaum wahrnehmen.
Unserer Einschätzung und Erfahrung nach treffen Heterosexismus und Kapitalismus Menschen
an verschiedenen sozialen Orten und auf verschiedene Weise, aber dennoch glauben wir: es
gibt etwas Verbindendes, etwas, das auf die Notwendigkeit von Solidarität, Austausch und
Unterstützung verweist. Mit dem Event wollen wir herausfinden: Kann es große queerfeministische
und antikapitalistische Bündnisse geben? Ist es aktuell möglich, kollektive Aktionen und gemeinsame
Politik auf der Grundlage geteilter Kritiken und Ziele zu entwickeln, anstatt auf der Basis vermeintlicher
geteilter Identität?
Wie kann unter extrem unterschiedlichen Positionen, Situierungen, Anschauungen eine Grundlage
zum miteinander Sprechen geschaffen werden? Das konnten wir nicht allein beantworten. Daher haben
wir von Anfang an beschlossen, immer wieder von Neuem zur Beteiligung einzuladen. Wir waren und sind
überzeugt, dass die Bedingungen für eine Gesprächs- und Solidaritätsgrundlage immer wieder gemeinsam
ausgehandelt werden müssen, und auch nicht von einzelnen festgelegt werden können.
Diese grundlegenden Fragen zur Form bzw. Formen der Organisierung und Durchführung des Events
haben weitreichende Konsequenzen für das gesamte Vorhaben. Unter dem Platzhalter-Wort „Event“
wurde immer wieder diskutiert, wie wir uns über Veranstaltungsformate in bestimmte Diskussionen
und Zusammenhänge einschreiben, dabei jedoch andere ausgrenzen. Relativ schnell wurde in diesen
Diskussionen auch die Frage des Ortes und des Rahmens wichtig: Das gemeinsame Event sollte nicht im
universitären Rahmen stattfinden, aber auch nicht an „traditionell linken“ Orten. Die Frage der „Verortung“
wurde derart wichtig, dass eine Arbeitsgruppe, die AG Verortung, sich mit ihr zu beschäftigen begann.
Die zentrale Frage lautete: Welche Orte unterstützen oder schränken welches Sprechen ein. Nachdem eine
Reihe von Orten besucht worden war, einigten wir uns darauf, das „Event“ in Neukölln zu situieren. Diese
Entscheidung kam unter anderem daher zu Stande, dass wir Neukölln als einen aus vielen Gründen dynamischen
Ort wahrnehmen: Während er medial immer wieder für rassistische Hetze zitiert wird, aber andererseits einen
starken Gentrifizierungs-boom erlebt, hat sich hier in den letzen Jahren auch eine linke Queerszene angesiedelt.
Die vielen Widersprüche, die diese Neuköllner Konstellationen vereinen, erscheinen uns als geeigneter Rahmen
für unsere theoretischen und praktischen Fragen. Darüber hinaus interessieren wir uns für die politischen Kämpfe,
die in den von uns genutzten Räumlichkeiten passieren (Manege und Werkstatt der Kulturen) und hoffen, sie über
die Miete und die öffentliche Aufmerksamkeit vielleicht auch etwas unterstützen zu können.
Die angeführten Überlegungen zu verschiedenen sozialen Positionen führten zu dem Wunsch, die Möglichkeiten
zur Beteiligung an der Vorbereitung und an den Entscheidungen so niedrigschwellig wie möglich zu halten.
Der Vorbereitungsprozess wurde immer wieder geöffnet, es wurde zu öffentlichen Diskussionen und Veranstaltungen
eingeladen (u.a. ein Saloon im Januar, ein Open Space im Mai, eine Werksatt im Juli, zwei Einführungsworkshops
in queerfeministische materialistische Theorie im August und im November, eine Einführungsveranstaltung in
bürgerliche Ökonomietheorie im November, ein Salon im Dezember in Hamburg, ein öffentlicher Aufruf in mehreren
Sprachen ...). Die Vorbereitungstreffen wurden sehr fluktuierend besucht und waren für manche eher der Übergang
zur Beteiligung in einer Arbeitsgruppe, während andere sich in der strukturellen Organisation einbrachten (Gelder
beantragen, Räume mieten, Werbung, Programm und den Überblick behalten).
Die Überlegungen zur Form, die immer wieder gemacht wurden, sollten aber nicht nur die Vorbereitungsstruktur,
sondern auch die Veranstaltungen auf dem „Event“ selbst betreffen. Dabei hat es sich für uns als sinnvoll erwiesen,
die Veranstaltungsformate einerseits an den Inhalten, andererseits aber auch an den Zielen der Veranstaltung zu
orientieren: So bieten sich zum Beispiel bei einer Veranstaltung zur Vermittlung von Grundlagenwissen ganz andere
Formate an als Beispielsweise, wenn das Ziel der Veranstaltung die Sichtbarmachung von Perspektiven und Initiativen
ist, oder wenn es darum geht, an einer sehr speziellen Frage über mögliche Strategien oder Ansätze zu diskutieren.
Nachdem wir das schon vor der Konzeption der Veranstaltungen abstrakt überlegt hatten, werden wir uns auf einem dem
kommenden Treffen (19. Februar) noch einmal Zeit nehmen, gemeinsam über die nun geplanten Veranstaltungen zu sprechen.
Haben sich die Erwägungen umsetzen lassen? Wo gibt es noch Diskussionsbedarf oder Probleme? Es geht darum, dass die
einzelnen Gruppen auch voneinander profitieren können, dass Überlegungen einer einzelnen AG auch den anderen zugänglich
gemacht werden, zur Diskussion gestellt werden etc. Es wird auf diesem Treffen aber auch noch einmal allgemeiner
diskutiert, welche Anforderungen vor allem an Moderator_innen (die teilweise nicht in den Vorbereitungsprozessen dabei
waren) und Referent_innen gestellt werden, um diese zu unterstützen und mit ihnen unsere Überlegungen gemeinsam zu
diskutieren. Was soll oder muss eine Moderator_in berücksichtigen, um das Gespräch zwischen den genannten
unterschiedlichen Positionen zu unterstützen? Wie kann die Moderation ausschließendem Sprechens entgegenwirken?
Diese Überlegungen sind alle in der Vorbereitung des „Events“ entstanden und zusammengetragen worden.
Wir hoffen, dass uns das „Event“ selbst noch mal wichtige Erfahrungen bringt, die wir ebenfalls dokumentieren
werden. Denn: schließlich ist dies alles nur der Anfang!